Die Sammlung

Welche Kunst wird zu sehen sein?

Eine erste Ausstellung des Museums Reinhard Ernst mit neun zum Teil großformatigen Bildern fand ab März 2019 im Landesmuseum Wiesbaden statt. Anlass war die Vorstellung des Buchs „Faszination Farbe“. Das im Verlag Hirmer publizierte Werk gibt einen ersten Überblick über die Sammlung Reinhard Ernst.

Neben Leihgaben von Museen und Privatpersonen aus aller Welt bildet die Sammlung Reinhard Ernst mit über 860 Gemälden und Skulpturen den Grundstock der künftigen Ausstellungen. Schwerpunkte der Sammlung sind abstrakte deutsche und europäische Nachkriegskunst, abstrakte japanische Kunst und abstrakter amerikanischer Expressionismus. Einen kleinen Einblick gibt diese beispielhafte Auswahl, die wir kontinuierlich ergänzen werden:

Blick in die Sammlung

Shōzō Shimamoto, Palazzo Ducale 11

Zu den Werken, die in der Sammlung Reinhard Ernst zu finden sind, zählen auch mehrere Arbeiten der japanischen Gutai-Gruppe. Diese Künstlergemeinschaft entstand in den fünfziger Jahren, als sich in Japan ein großer gesellschaftspolitischer Wandel vollzog. Ihre jungen Mitglieder erkundeten neue, radikale Ausdrucksformen durch die Verbindung von Performance, Malerei, Installation und Theater. Viele ließen sich von europäischen und amerikanischen Zeitgenossen beeinflussen, z. B. von Jackson Pollock und dem europäischen Informel. Die Gutai-Gruppe erzielte internationale Beachtung, ihre Kunst wurde und wird weltweit ausgestellt.

Kiyoji Otsuji, Gutai Photograph 1956-57, 2012 / Shōzō Shimamoto beim Kreieren eines Bildes mit der Bottle-Crash-Technik, 1956 © Kiyoji Otsuji

Die Gemälde entstanden nach sehr ungewöhnlichen Methoden: So malte Kazuo Shiraga mit den Füßen, Akira Kanayama mit einem ferngesteuerten Auto, Yasuo Sumi mit einem Abakus. Dem Prozess wurde dabei eine ebenso wichtige Bedeutung beigemessen wie dem Ergebnis. Auch Shōzō Shimamoto (1928–2013), ein Mitbegründer der Gutai-Gruppe, suchte nach Wegen künstlerischer Freiheit. Mit der „Bottle Crash“-Technik schmiss er mit bunter Farbe gefüllte Flaschen auf ausgelegte Stoffbahnen. Eine seltene Schwarz-Weiß-Fotografie von Kiyoji Otsuji aus dem Jahr 1956 – die sich ebenfalls in der Sammlung Reinhard Ernst befindet – zeigt den damals 28-jährigen Shimamoto bei der Ausübung seiner Kunst. In den aufregenden abstrakten Farbstrukturen kann man bei näherer Betrachtung noch einzelne Glasscherben erkennen.

Shōzō Shimamoto, Palazzo Ducale 11, 2008 © Shōzō Shimamoto

Eines der auf diese experimentelle Art entstandenen Werke mit dem Titel „Palazzo Ducale 11“ aus dem Jahr 2008 ist Teil der Sammlung Reinhard Ernst. Den Titel trägt das Gemälde, weil es im Rahmen einer Kunstperformance von Shōzō Shimamoto im historischen Palazzo Ducale in Genua kreiert wurde. Die Kunst von Shōzō Shimamoto ist in Sammlungen namhafter Museen vertreten, so z. B. in der Tate Gallery in London, dem Museum of Contemporary Art in Tokio oder der Galleria Nazionale d’Arte Moderna in Rom.


Blick in die Sammlung

Richard Diebenkorn, Albuquerque #7

In der Sammlung Reinhard Ernst befindet sich auch die Arbeit „Albuquerque #7“ des Malers Richard Diebenkorn. Dieser nahm 1940 sein Studium an der Stanford University auf und malte zunächst sehr realistische Bilder – beeinflusst von Künstlern wie Edward Hopper.

In der Folgezeit studierte er zusätzlich an der University of California und schrieb sich nach seinem Militärdienst 1946 schließlich an der California School of Fine Arts ein – einer Hochschule in San Francisco, die sich nach dem Zweiten Weltkrieg zu einem Zentrum für freie künstlerische Entfaltung abseits der traditionellen Methoden entwickelte. Die Eindrücke, die Diebenkorn in diesen Jahren sammelte, inspirierten ihn nachhaltig und führten zu einem stilistischen Wandel.

Wie stark sich Diebenkorn dem abstrakten Expressionismus zuwandte, lässt sich an der „Albuquerque-Reihe“ ablesen: Von 1950 bis 1952 lebte der Künstler mit seiner Familie in Albuquerque, New Mexico. Dort entstanden über vierzig Ölgemälde, mit denen Richard Diebenkorn auf der Bildfläche der Avantgarde-Szene erschien. Diese Zeit im Wüstenhochland war eine besonders produktive, künstlerisch fruchtbare Phase Diebenkorns. Er galt in der Folge als führender abstrakter Expressionist an der US-amerikanischen Westküste.

Richard Diebenkorn, Albuquerque #7, 1951, Öl auf Leinwand, © Richard Diebenkorn Foundation

Die Komposition des fast zwei Meter hohen Gemäldes unterteilt sich in vier horizontale Bereiche, die sich aus den Farben der Landschaft New Mexicos ableiten: Schwarz, Dunkelrot, Pastellgrün und Anthrazit. Der Künstler sammelte seine Wahrnehmungen der unmittelbaren Umgebung und vereinte sie in dem rechteckigen Bildformat. Einzelne Stellen wurden übermalt, Farbsequenzen überlappen sich. Abstrahierte, kalligrafische Formen fanden ihren Platz in der prominentesten Bildfläche und grenzen sich durch schwarze Konturen ab. „Albuquerque #7“ zählt zu den farbintensivsten Werken der Serie.

Richard Diebenkorn starb 1993 im Alter von 70 Jahren in Berkeley, Kalifornien. Im Nachruf bezeichnete ihn die New York Times als „führenden amerikanischen Künstler der Nachkriegszeit, dessen zutiefst lyrische Abstraktionen Erinnerungen an das schimmernde Licht und die Weiträumigkeit Kaliforniens wachrufen“.


Blick in die Sammlung

Ugo Rondinone, SIEBZEHNTERMÄRZ­NEUNZEHN­HUNDERT­ZWEIUND­NEUNZIG

Eine Arbeit des Gegenwartskünstlers Ugo Rondinone mit sommerlich-flirrenden Farbverläufen zählt zur Sammlung Reinhard Ernst. Der Schweizer Künstler studierte von 1986 bis 1990 an der Hochschule für angewandte Kunst in Wien. Er präsentierte bereits während dieser Zeit erste Einzelausstellungen in der Schweiz und Österreich.

Rondinone wirkt als Konzept-, Medien- und Installationskünstler, der unter anderem das Thema Vergänglichkeit und die Visualisierung der Zeit untersucht. Das vielseitige Œuvre des Künstlers erstreckt sich über unterschiedliche Medien wie Malerei, Fotografie oder raumgreifenden Installationen. Auch auf sprachlicher Ebene setzt sich Rondinone mit der Bildenden Kunst auseinander: In drei von ihm kuratierten Ausstellungen untersucht er die Beziehung zwischen Lyrik und bildender Kunst („the third mind“ im Jahr 2007 im Palais de Tokyo in Paris, „the spirit level“ im Jahr 2011 in der Gladstone Gallery in New York und „Artists and Poets“ im Jahr 2015 in der Wiener Secession).

Ugo Rondinone, SIEBZEHNTERMÄRZNEUNZEHNHUNDERTZWEIUNDNEUNZIG, 1992, Acryl-Airbrush auf Leinwand, © Ugo Rondinone

SIEBZEHNTERMÄRZNEUNZEHNHUNDERTZWEIUNDNEUNZIG zeigt konzentrisch angeordnete Farbkreise in einer vibrierenden Farbzusammenstellung, die auf rechteckiger Leinwand mit einer Airbrush-Technik aufgesprüht wurde. Die Konturen der Farbbereiche verschwimmen, wodurch der Betrachter ein hitziges Flirren wahrzunehmen scheint. Im Jahr 1992 beginnt Rondinone mit den „Sonnenbildern“, die er mittlerweile auf einem kreisrunden Malgrund entwirft. Das Werk aus der Sammlung Reinhard Ernst – bei der Farbfeldmalerei des 20. Jahrhunderts in großer Zahl vertreten ist – zählt zu den frühen Arbeiten dieser Serie. Dies zeigt sich einerseits am Titel, der das Herstellungsdatum in großen Lettern datiert. Andererseits lässt es sich an der noch rechteckigen Form der Leinwand erkennen. Formal stellt Rondinone die Sonnenbilder in Dialog zu den Werken des 20. Jahrhunderts aus der Op-Art und der Farbfeldmalerei. Insbesondere nimmt er Bezug auf den Künstler Kenneth Noland, bei dem die chromatische Bildkomposition eine ebenso wichtige Rolle spielt.

Ugo Rondinone lebt und arbeitet in New York.


Blick in die Sammlung

Yasuo Sumi, Work

Die japanische Künstlergruppe Gutai nimmt in der Sammlung Reinhard Ernst einen besonderen Platz ein. Neben den europäischen VertreterInnen der abstrakten Kunst werden so auch japanische Kunstpositionen präsentiert und in Dialog mit ihren europäischen ZeitgenossInnen gestellt.

Yasuo Sumi war seit 1955 Teil von Gutai und experimentierte – ganz im Sinne der Gruppenidee – mit verschiedenen außergewöhnlichen Malwerkzeugen. Er trug die Farbe mit Alltagsgegenständen wie einem Kamm auf die Leinwand auf, versuchte aber auch vibrierende Motoren zum Farbauftrag zu nutzen. Über vier Jahre arbeitete der japanische Künstler an dem Gemälde, das sich in der Sammlung Reinhard Ernst befindet. In diesem Fall nutzte er einen japanischen Rechenschieber, einen sogenannten „Soroban“, als Malwerkzeug. Die Spuren der einzelnen Holzperlen ziehen sich deutlich durch die pastose Farbe und sind auf der gesamten Bildfläche zu erkennen. Das Wort „Soroban“ entwickelte sich zu einem Synonym für Sumis Technik des Farbauftrags mit unterschiedlichen Objekten des täglichen Lebens.

Der aus Osaka stammende Künstler lebte von 1925 bis 2015. 1950 schloss er in Osaka ein Wirtschaftsstudium ab und arbeitete anschließend als Lehrer für Mathematik. Durch Zufall entdeckte er – während er mit dem befreundeten Künstler Shōzō Shimamoto malte –, dass der Rechenschieber nicht nur als Arbeitswerkzeug im Unterricht nützlich war, sondern außerdem beeindruckende Farbspuren auf der Leinwand hinterließ.

Mit der Aufnahme in Gutai präsentierte Sumi seine Arbeiten regelmäßig in den Ausstellungen der Gruppe, nahm aber auch an zahlreichen internationalen Schauen in Europa und den USA teil.

Yasuo Sumi, Work, 1958-1962, Mischtechnik auf Leinwand